Im Fall des Anschlags auf den Christopher Street Day in Berlin gehen die Ermittler offenbar nicht mehr von einem Einzeltäter aus. Nach Informationen aus Ermittlungskreisen zeigen ausgewertete Bewegungsdaten des Tatverdächtigen einen Zickzack-Kurs auf dem Weg zum Tatort am Tiergarten. Gleichzeitig rückt ein zweites Handy in den Fokus, das den Sicherheitsbehörden nach bisherigem Stand nicht bekannt war. Es gilt als mögliche «Sollbruchstelle», die die Behörden nicht gesehen haben.
Die Bewegungsdaten weisen den Angaben zufolge mehrfache Richtungswechsel auf dem Weg in den Tiergarten auf. Warum der Tatverdächtige diese Route wählte und ob er unterwegs Kontakt zu weiteren Personen hatte, ist bislang ungeklärt. Bewegungsdaten von Mobiltelefonen gelten in schweren Straftaten als wichtiges Beweismittel. Sie zeigen, wo sich eine Person zu welchem Zeitpunkt aufgehalten hat. Das ist für die Ermittler besonders bedeutsam, weil sich aus der Route Hinweise auf mögliche Kontakte oder Treffen ergeben können. Die bisherigen Erkenntnisse ließen die Annahme eines Einzeltäters zunehmend unwahrscheinlich erscheinen, hieß es.
Besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem zweiten Handy zu. Die Ermittler werten es als mögliche «Sollbruchstelle», also als eine bislang unentdeckte Schwachstelle in den Ermittlungen. Das Gerät war den Behörden offenbar nicht bekannt. Ob es bei der Vorbereitung oder Durchführung der Tat verwendet wurde und welche Verbindungen sich daraus ergeben, ist Gegenstand laufender Prüfungen. Von der Auswertung des Geräts erhoffen sich die Ermittler Hinweise auf mögliche weitere Beteiligte.
Am Dienstag befasst sich der Innenausschuss des Bundestags mit dem Anschlag auf den Berliner CSD. Das Gremium ist im Parlament für Fragen der inneren Sicherheit zuständig. In der Sitzung geht es um den Stand der Ermittlungen, die Auswertung der Bewegungsdaten und die Rolle des zweiten Handys. Mit der Befassung des Ausschusses bekommt die Aufarbeitung des Anschlags auch eine politische Dimension.
Der Tatort liegt im Bereich des Großen Tiergartens, unweit des Berliner Regierungsviertels. Der Christopher Street Day ist eine der größten regelmäßig stattfindenden Veranstaltungen der queeren Community in Deutschland. Er erinnert an die Stonewall-Unruhen in New York und wird in Berlin seit Jahrzehnten als Demonstration und Straßenfest begangen. Für viele Teilnehmer ist er zugleich ein gesellschaftliches Signal für die Rechte von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Für die Ermittler bleibt die Rekonstruktion der Route des Täters ebenso wichtig wie die Auswertung des zweiten Handys. Eine abschließende Bewertung, ob und in welcher Form weitere Personen beteiligt waren, steht noch aus.



