Ungarn weist zehn russische Diplomaten aus und verschärft den Kurs
Die Regierung in Budapest nennt die Tätigkeit der Betroffenen unvereinbar mit ihrem Status. Russland kündigt eine Reaktion an, während Ungarn den diplomatischen Gesprächskanal offenhält.
Budapest setzt ein deutliches Zeichen in den Beziehungen zu Moskau. Ungarn hat zehn Mitarbeiter der russischen diplomatischen Mission aufgefordert, das Land zu verlassen. Außenministerin Anita Orbán erklärte am 8. September, ungarische Behörden hätten deren Tätigkeit als inakzeptabel und mit dem diplomatischen Status unvereinbar eingestuft.
Welche Personen betroffen sind, bleibt öffentlich unbekannt. Namen, Funktionen und konkrete Vorwürfe wurden nicht genannt, ebenso wenig eine genaue Frist für die Ausreise. Das ist bei solchen Maßnahmen nicht ungewöhnlich. Nach Artikel 9 des Wiener Übereinkommens über diplomatische Beziehungen kann ein Empfangsstaat einen Diplomaten jederzeit zur persona non grata erklären, ohne die Entscheidung begründen zu müssen.
Russland hat eine Gegenreaktion angekündigt. Das Außenministerium in Moskau sprach von entsprechenden Maßnahmen. Reuters berichtete unter Berufung auf Interfax, die russische Seite habe die geplante Antwort als schmerzhaft für Ungarn beschrieben. Noch ist nicht bekannt, ob Moskau lediglich ungarische Diplomaten ausweisen oder weitere Schritte unternehmen wird.
Der Konflikt bedeutet vorerst keinen Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Anita Orbán sagte ausdrücklich, notwendige Gespräche mit Russland sollten weitergeführt werden. Budapest begründet die Ausweisung mit dem Schutz der eigenen Sicherheit und Souveränität und trennt damit die Frage der diplomatischen Präsenz von der Frage, ob beide Regierungen miteinander sprechen.
Politisch ist der Zeitpunkt entscheidend. Seit Mai wird Ungarn von Ministerpräsident Péter Magyar geführt. Er trat nach der Wahl vom 12. April am 9. Mai sein Amt an, Anita Orbán folgte am 12. Mai als Außenministerin. Das neue Kabinett kündigte an, Ungarn stärker an EU und NATO auszurichten und Abhängigkeiten von Russland zu verringern.
Schon vor ihrem Amtsantritt hatte die neue Außenministerin erklärt, die Beziehungen zu Moskau müssten transparenter werden. Sie bezeichnete Russland als Aggressor und die Ukraine als Opfer der Aggression. Damit veränderte sich die außenpolitische Sprache in Budapest deutlich gegenüber der Zeit unter Viktor Orbán.
Reuters zufolge hatte die vorherige ungarische Regierung nach Beginn der russischen Vollinvasion 2022 keine Ausweisung russischer Diplomaten öffentlich gemacht. Vor dem Machtwechsel lag der letzte öffentlich bekannte Fall im Jahr 2018. Im Mai 2026 wies das neue Kabinett bereits einen russischen Diplomaten aus und verwies dabei auf den Verdacht nachrichtendienstlicher Tätigkeit.
Die Ausweisung von zehn Personen verstärkt nun den Eindruck, dass die Regierung Magyar eine neue Sicherheitslinie etabliert. Sie folgt nicht automatisch jeder Position anderer EU-Staaten, aber sie zeigt mehr Bereitschaft, russische diplomatische Aktivitäten als eigenständiges Sicherheitsproblem zu behandeln.
Für Deutschland ist diese Entwicklung relevant, weil Ungarns Haltung wiederholt Einfluss auf die Geschlossenheit europäischer Entscheidungen gegenüber Russland hatte. Eine engere Annäherung Budapests an die gemeinsame Sicherheitsbewertung könnte Abstimmungen in EU und NATO erleichtern, auch wenn andere politische Streitpunkte bestehen bleiben.
Noch lässt sich nicht sagen, wie nachhaltig der Kurswechsel ist. Budapest hält den Dialog offen und vermeidet eine vollständige Konfrontation. Die angekündigte russische Antwort wird deshalb zum nächsten Test: Bleibt es bei der üblichen diplomatischen Gegenseitigkeit, ist der Konflikt begrenzt. Reagiert Moskau darüber hinaus, muss die neue ungarische Regierung zeigen, wie belastbar ihre westlichere Ausrichtung unter Druck ist.
