Die Migrationskrise um die spanische Exklave Ceuta in Nordafrika hat ein europäisches Nachbeben ausgelöst. Frankreich verstärkt nach der Ankunft zehntausender Migranten seine Kontrollen an der Grenze zu Spanien. Innenminister Bruno Retailleau teilte mit, zusätzliche Soldaten, Polizisten und Einheiten der Gendarmerie würden an die Grenze geschickt, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Italien setzt unterdessen das Schengen-Abkommen vorübergehend aus und führt wieder Kontrollen an seinen Grenzen ein.
Hintergrund ist der beispiellose Ansturm auf Ceuta, eine der beiden spanischen Exklaven an der nordafrikanischen Küste. Nach Regierungsangaben gelangten in den vergangenen Tagen rund 50.000 Menschen irregulär in das Gebiet an der Meerenge von Gibraltar. Die Regionalregierung Ceutas schätzte die Zahl der Ankömmlinge sogar auf mehr als 60.000. Viele Menschen erreichten die Exklave schwimmend, andere über Landwege. Unabhängig überprüfen ließen sich die Angaben zunächst nicht.
Die spanische Regierung sprach angesichts der Lage von einem „Angriff“ auf das Land. Ministerpräsident Pedro Sánchez kündigte an, die Ordnungskräfte in der Exklave zu verstärken und die Rückführung der Migranten nach Marokko zu beschleunigen. Bereits am Freitagnachmittag war nach Angaben des Innenministeriums in Madrid ein Großteil der Menschen freiwillig nach Marokko zurückgekehrt. Medien berichteten unter Berufung auf das Ministerium, dass 37.500 Menschen die Exklave wieder in Richtung Marokko verlassen hätten. Das entspräche drei Vierteln der zuvor registrierten Ankömmlinge. Dennoch hielten sich weiterhin Tausende Migranten in Ceuta auf.
Die humanitäre Bilanz der Krise ist erschütternd. Nach Angaben des staatlichen Fernsehsenders RTVE kamen auf dem Weg von Marokko nach Ceuta mindestens 57 Menschen ums Leben. Die meisten seien ertrunken, berichtete der Sender unter Berufung auf einen Sprecher des Innenministeriums in Madrid. Hilfsorganisationen vor Ort berichteten von Überfüllung in den Aufnahmeeinrichtungen und einer prekären Versorgungslage. Viele der Migranten stammen aus Subsahara-Afrika und waren auf der Flucht vor Krieg, Armut und den Folgen der Klimakrise.
Die europäischen Nachbarstaaten reagieren unterschiedlich auf die Krise. Frankreich verstärkt seine Grenzpräsenz im grenznahen Raum zu Katalonien entlang der spanisch-französischen Grenze. Italien setzt das Schengen-Abkommen aus, das normalerweise Reisen ohne Grenzkontrollen innerhalb der EU ermöglicht. Die italienische Regierung begründete den Schritt mit dem erhöhten Risiko irregulärer Migration nach Norditalien. Die spanische Regierung mahnte hingegen europäische Solidarität an und warnte davor, die Krise als Vorwand für nationale Alleingänge zu nutzen.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt kündigte an, an der Kontrolle der deutschen Landesgrenzen festzuhalten. „Wir werden die Möglichkeit der Binnengrenzkontrollen über den September hinaus verlängern“, sagte der CSU-Politiker. Um die bisherigen Erfolge beim Zurückdrängen der illegalen Migration zu erhalten, seien „flexible und angepasste Binnengrenzkontrollen“ notwendig. Bis wann die Kontrollen verlängert werden sollen, ließ Dobrindt offen. Die Situation in Ceuta verdeutliche die „volatile Lage bei der illegalen Migration“, erklärte er.
Bereits seit dem 16. September 2024 wird wieder an allen deutschen Grenzen kontrolliert. Die damalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hatte dies angeordnet, um die Zahl unerlaubter Einreisen einzudämmen. Die Regelung wurde trotz wachsender Kritik dreimal verlängert, zuletzt bis Mitte September 2026. Die aktuelle Zuspitzung in Ceuta dürfte nun eine weitere Verlängerung begünstigen.
Die Linke forderte Deutschland derweil auf, Migranten aus Ceuta aufzunehmen. „Jetzt zählt zuerst, dass niemand mehr stirbt“, erklärte die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Clara Bünger. Die Menschen müssten versorgt werden – medizinisch, mit Wasser und einem sicheren Ort. „Damit darf Spanien nicht allein bleiben. Deutschland und die EU stehen in der Pflicht, bei der Versorgung zu helfen und Schutzsuchende aufzunehmen.“ Wer glaube, dass mit noch mehr Abschottung das Problem gelöst sei, irre. „Solange es keine sicheren, legalen Wege gibt, werden Menschen weiter in Lebensgefahr getrieben“, betonte Bünger. Die Situation in Ceuta sei keine Naturkatastrophe, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen.
International sorgt die Krise für Aufsehen. Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha warf Russland vor, die Lage in Ceuta für eine Propagandakampagne zu nutzen, um in Europa Ängste vor einer Migrationskrise zu schüren. Ukrainischen Analysten zufolge habe die russische Propaganda seit Donnerstag mehr als 1.500 Beiträge auf verschiedenen Seiten veröffentlicht, orchestriert von den Propagandamedien „Pravda“ und „Russia Today“. Allein die spanische Onlineausgabe von „Pravda“ habe fast 300 Beiträge zu Ceuta veröffentlicht. Sybiha forderte europäische Länder auf, russische Propagandaseiten vom Netz zu nehmen.
Die Ereignisse in Ceuta haben eine Debatte über die Zukunft der europäischen Migrations- und Asylpolitik neu entfacht. Während einige Staaten auf härtere Grenzkontrollen und schnellere Rückführungen setzen, fordern andere eine Verteilung von Schutzsuchenden auf alle EU-Mitgliedstaaten und legale Einreisewege. Die spanische Regierung mahnte, die Krise dürfe nicht zu einer dauerhaften Abschottung Europas führen. Gleichzeitig wächst der Druck auf Marokko, die Grenzsicherung zu verstärken und die Zusammenarbeit bei der Rücknahme abgelehnter Asylbewerber zu verbessern. Die Sorge vor weiteren Ankünften bleibt groß, solange die humanitären und wirtschaftlichen Ursachen der Fluchtbewegungen nicht adressiert werden.



