Wiiw-Prognose: Ukraine steht wirtschaftlich «mit dem Rücken zur Wand»
Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche senkt die Wachstumsprognose für die Ukraine auf 0,6 Prozent. Russische Angriffe zerstören Energieanlagen und Häfen, die Getreideexporte brachen im August um 70 Prozent ein. Russland kann den Krieg laut Experten trotz Sanktionen weiter finanzieren.
Die wirtschaftlichen Aussichten der Ukraine verdüstern sich angesichts massiver russischer Angriffe zunehmend. In der jüngsten Analyse des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) heißt es, die Wirtschaft des Landes stehe «mit dem Rücken zur Wand». Das auf Zentral- und Osteuropa spezialisierte Institut senkte seine Erwartung für das diesjährige ukrainische Wirtschaftswachstum auf 0,6 Prozent – 0,4 Prozentpunkte weniger als in der Prognose vom Juli.
Auch die Wachstumsrate für 2027 wurde um 0,4 Prozentpunkte nach unten korrigiert und liegt nun bei erwarteten 2,1 Prozent. Diese Zahl gilt allerdings nur unter der Bedingung, dass die Ukraine genügend finanzielle und militärische Unterstützung aus dem Ausland erhält. Ob diese Unterstützung kommt, erscheint den Fachleuten zunehmend ungewiss. «Der fünfte Kriegswinter dürfte die Ukraine vor eine harte Bewährungsprobe stellen», sagte Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des Instituts.
Die Gründe für die gedämpften Erwartungen sind konkret: Russische Luftangriffe haben ukrainische Energieanlagen, Infrastruktur und Verladeeinrichtungen am Schwarzen Meer zerstört. Die Getreideexporte brachen im August im Vergleich zum Juli um 70 Prozent ein. Auch die Stahlindustrie leidet massiv unter den Angriffen. Hinzu kommen eine starke Teuerung und hohe Zinsen, die die Wirtschaft zusätzlich bremsen.
Russland kämpft ebenfalls mit den Folgen seines Angriffskrieges, doch die Belastungen fallen anders aus. Die wiiw-Prognose für Russland liegt bei 0,6 Prozent Wachstum für 2026 und 1,3 Prozent für 2027. Russland-Experte Vasily Astrov stellte klar: «Auch im nächsten Jahr wird Präsident Putin keinerlei Probleme haben, den Krieg gegen die Ukraine zu finanzieren.» Der Staat könne sich weiterhin Geld bei inländischen Banken leihen.
Die russische Wirtschaft leidet unter den westlichen Sanktionen und einer Treibstoffkrise. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien haben diese Krise ausgelöst und heizen die Inflation an. Moskau verhängte ein Exportverbot für Treibstoffe. Dadurch profitiert das Land weniger stark von den derzeit hohen Weltmarktpreisen, so die Wiener Ökonomen. Die russische Industrie hat zusätzlich mit den Sanktionen zu kämpfen.
Für die Ukraine bedeutet das eine doppelte Belastung: Die eigene Wirtschaftsleistung schrumpft nahezu auf Stagnation, während der Kriegsgegner finanziell handlungsfähig bleibt. Die zerstörte Energieinfrastruktur dürfte den kommenden Winter zusätzlich erschweren. Die wiiw-Analyse macht deutlich, dass die wirtschaftliche Widerstandskraft der Ukraine eng an die ausländische Unterstützung gekoppelt ist – und dass diese Unterstützung keineswegs gesichert ist.
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