China analysiert Ukraine-Krieg systematisch für möglichen Taiwan-Konflikt
Eine neue CSIS-Studie zeigt, wie Peking den russischen Angriffskrieg auswertet, um eigene Waffensysteme, Ausbildung und Übungen anzupassen. Im Fokus: Drohnenabwehr und die Lehren aus ukrainischen Erfolgen.
China zieht aus dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine systematisch Lehren für einen möglichen eigenen Konflikt um Taiwan. Wie eine neue Analyse der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies (CSIS) zeigt, wertet Peking die Gefechte nicht nur oberflächlich aus, sondern integriert Erkenntnisse bereits in die Entwicklung neuer Waffensysteme, die Ausbildung von Soldaten und militärische Übungen. Die Studie der Forscherinnen Lilly Min-Chen Lee und Kateryna Bondar untersuchte mehr als 90 chinesischsprachige Quellen von 45 Veröffentlichungsplattformen aus den Jahren 2022 bis 2026, darunter militärische Fachzeitschriften, Publikationen staatlicher Rüstungskonzerne und Medien der Volksbefreiungsarmee.
Besonders aufschlussreich ist die Perspektive, aus der China den Krieg betrachtet: Während russische Angriffe als Vorbild für eigene Offensivfähigkeiten dienen, orientieren sich chinesische Fachleute bei der Verteidigung vor allem an den Erfolgen der Ukraine. Ein zentrales Beispiel ist die ukrainische Operation «Spinnennetz» vom 1. Juni 2025, bei der Drohnen aus umgebauten Lastwagen russische Bomberstützpunkte tief im Landesinneren angriffen und mehrere Maschinen in Brand setzten. Der Angriff führte dem Kreml drastisch vor Augen, wie verwundbar strategisch wichtige Militäranlagen selbst Tausende Kilometer von der Front entfernt sind. Chinesische Militäranalysten untersuchten daraufhin, wie es den Ukrainern gelang, Drohnen unbemerkt ins russische Hinterland zu bringen und dort strategische Flugzeuge anzugreifen.
Die Auswertung erfolgt erstaunlich schnell: Im Durchschnitt dauert es nur vier Monate, bis neue Kampftechniken in chinesischen Analysen auftauchen. Bis die Erkenntnisse in Ausbildungsprogramme oder Militärübungen einfließen, vergeht meist etwa ein Jahr. Bereits im Oktober 2025 übte eine chinesische Brigade die Abwehr eines Angriffs mit mehr als 20 Drohnenpiloten. Dabei kamen Systeme zum Einsatz, die Drohnen anhand ihrer Funksignale aufspüren und mithilfe einer Datenbank mit über 800 handelsüblichen Drohnenmodellen identifizieren können.
Für einen möglichen Krieg um Taiwan dürften die Erfahrungen im Schwarzen Meer noch wichtiger sein. Dort greift die Ukraine mit unbemannten Sprengbooten russische Kriegsschiffe und Hafenanlagen an. Chinesische Marineforscher untersuchen diese Angriffe und schlagen aufeinander abgestimmte Abwehrsysteme vor. Die Volksbefreiungsarmee trainiert inzwischen ebenfalls gegen unbemannte Boote: Im April 2026 schossen Fregatten bei einer Übung scharf auf solche Ziele, später wurden bewaffnete Drohnen gegen Schnellboote eingesetzt. China baut seine Drohnenabwehr konsequent aus, dazu gehören auch Laser- und Mikrowellensysteme.
Peking übernimmt aber auch russische Angriffstaktiken. Chinesische Militäranalysen zeigen, dass russische Einheiten dank einer engen Verzahnung von Aufklärung und Angriff Ziele mitunter innerhalb von drei bis fünf Minuten nach Entdeckung bekämpfen – früher dauerte das oft Stunden. Auch die Entwicklung von Glasfaserdrohnen, die über ein dünnes Kabel statt über Funk gesteuert werden und deshalb nicht mit gewöhnlichen Störsendern ausgeschaltet werden können, verfolgt China aufmerksam. Eigene Einheiten erproben bereits entsprechende Systeme.
Hinter all dem steht eine wirtschaftliche Erkenntnis: Moderne Kriege werden nicht nur mit hoch entwickelten Einzelwaffen entschieden, sondern auch mit riesigen Mengen günstiger Geräte. Wer eine billige Drohne mit einer teuren Rakete abschießt, kann zwar eine Schlacht gewinnen, doch in einem Abnutzungskrieg wäre dies auf Dauer kostenintensiv. China will Drohnen deshalb möglichst kostengünstig bekämpfen und profitiert dabei von seiner riesigen Drohnenindustrie sowie der Kontrolle über wichtige Zulieferketten. Wie groß dieser Einfluss ist, zeigt eine aktuelle Recherche der Nachrichtenagentur Associated Press: Ausgerechnet die Ukraine, deren Drohnenangriffe China so aufmerksam studiert, ist in ihrer eigenen Drohnenproduktion von chinesischen Zulieferern abhängig.
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