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Pest-Verdacht in Sibirien weckt Erinnerungen an vertuschte Laborunfälle

In Irkutsk soll eine Forscherin nach einer Infektion gestorben sein. Die Behörden dementieren einen Pesterreger und nennen eine Lungenentzündung unbekannter Herkunft als Todesursache. WHO und US-Regierung fordern Aufklärung. Der Fall erinnert an frühere Zwischenfälle mit Biowaffen in der Sowjetunion.

Pest-Verdacht in Sibirien weckt Erinnerungen an vertuschte Laborunfälle
Pest-Verdacht in Russland: Es war nicht der erste Unfall mit Biowaffen

Der Tod einer 28 Jahre alten Forscherin am Institut zur Bekämpfung von Pestkrankheiten im sibirischen Irkutsk gibt international Anlass zu Besorgnis. Die Frau soll nach einer mysteriösen Erkrankung gestorben sein. Die russischen Behörden bestreiten einen Zusammenhang mit dem Pesterreger und geben als Todesursache eine «Lungenentzündung unbekannter Herkunft» an. Details sind bislang unklar.

US-Präsident Donald Trump hat nach Medienberichten um ein dringliches Gespräch mit dem russischen Staatschef Wladimir Putin gebeten, um nähere Auskunft über den möglichen Zwischenfall mit Lungenpest zu erhalten. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO dringt auf Aufklärung. Hintergrund sind Berichte über ein zweites Todesopfer in Russland sowie Hinweise auf weitere Laborunfälle mit infektiösen Erregern und Giftstoffen in Russland und der früheren Sowjetunion.

Lungenpest ist eine schwere Form der durch das Bakterium Yersinia pestis verursachten Pest. Sie kann entstehen, wenn sich die Infektion auf die Lunge ausbreitet. Die Erkrankung ist mit Antibiotika behandelbar, wenn die Therapie früh genug beginnt. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts kommt die Pest noch in Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens vor, in Deutschland nicht.

Laut der Zeitung «Moscow Times» befinden sich 197 weitere Beschäftigte des Labors in Sibirien in Quarantäne. Der Epidemiologe Tim Colburn vom University College London erklärte auf X, die übrigen Labormitarbeiter seien negativ auf Lungenpest getestet worden. «Es wird also hoffentlich zu keinem Ausbruch kommen», so Colburn. Er bezeichnete die Lage als schlimm, stellte aber die Frage, ob es sich tatsächlich um einen Ausbruch handele.

Andere Experten äußern sich kritischer. Ashish K. Jha, der frühere US-Regierungsbeamte und Mitgründer der Initiative Bioradar, erklärte auf X, es sei hinlänglich bekannt, dass Russland über ein aktives militärisches Programm für biologische Waffen verfüge. Die Geheimdienste hätten öffentlich erklärt, dass dieses Programm in den letzten Jahren erheblich ausgebaut worden sei.

Die Forschung mit biologischen Waffen in der Sowjetunion reicht bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück. Auf der Insel der Wiedergeburt im Aralsee im heutigen Usbekistan wurde mit Erregern von Pest, Pocken und Milzbrand experimentiert. In mindestens einem Fall sollen Erreger freigekommen sein und ein Fischsterben im Aralsee ausgelöst haben. Westliche Geheimdienste gehen zudem davon aus, dass Moskaus Armee nach ihrer Invasion in Afghanistan 1979 in mindestens einem Fall sogenannte Rotz-Krankheitserreger einsetzte, die Fieber, Geschwüre und Abszesse auslösen können.

Biologische Waffen sind seit 1972 durch eine internationale Übereinkunft verboten. Auch die Sowjetunion trat dem Vertrag bei. Die Einhaltung lässt sich jedoch schwer kontrollieren. Im Jahr 1979 tauchten zu Sowjetzeiten Berichte über einen Zwischenfall mit Milzbrand-Erregern in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinenburg, auf. Die Führung in Moskau dementierte damals die Berichte westlicher Medien. Erst nach dem Fall der Mauer räumte der russische Präsident Boris Jelzin 1992 den Zwischenfall ein. Demnach hatte ein Techniker in einem Hochsicherheitslabor den Luftfilter zur Reinigung ausgebaut. Kollegen übersahen den internen Hinweis und fuhren die Anlage versehentlich ohne Filter wieder hoch. Dabei gelangten Milzbrand-Erreger in die Umwelt. Mindestens 68 Menschen starben.

Die Hintergründe des jüngsten Zwischenfalls in Sibirien sind weiter unklar. Der frühere US-Außenminister Mike Pompeo erklärte auf X: «Die Welt braucht jetzt Transparenz. Wir alle haben gesehen, was passiert, wenn Ausbrüche auftreten, die von Regimen versteckt und vertuscht werden.» Die Forderung nach Aufklärung wird nicht allein von der WHO erhoben.

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Helena Beckmann

Autor

Kulturkorrespondentin

Helena Beckmann berichtet für Güldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.