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Krieg in der Ukraine: Russland bleiben laut Kaminer nur zwei Optionen

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer beschreibt den Ukraine-Krieg als festgefahrenes Ringen, in dem Russland nur der Sieg oder die Niederlage bleibt. Ein neues Kriegsbudget und die Angst vor einer Intensivierung prägen die Lage, während die ukrainische Bevölkerung trotz massiver Angriffe ausharrt.

Krieg in der Ukraine: Russland bleiben laut Kaminer nur zwei Optionen
Ukraine-Krieg: Russland bleiben nur zwei Optionen

Der Krieg in der Ukraine steckt seit Langem in einer Sackgasse. Weder russische noch ukrainische Truppen erzielen nennenswerte Geländegewinne, obwohl beide Seiten immer wieder von militärischen Erfolgen berichten. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer beschreibt die Lage in einer Analyse für t-online als einen Konflikt, in dem es von Beginn an nichts wirklich zu erobern gab. Die Topografie der vergangenen Jahre bestehe vor allem aus zerstörten Städten wie Bachmut, Marjinka und Soledar – Orte, die dem Erdboden gleichgemacht und von ihren Bewohnern verlassen wurden.

Der aktive Krieg finde längst in der Luft und in den Köpfen statt, so Kaminer. Russische Drohnen jagten auf Kiewer Brücken Privatautos, Lokomotiven des zivilen Verkehrs würden zerstört und die Energieversorgung gezielt gekappt. Das frisch gewählte russische Parlament, in dem nun auch Kriegsveteranen sitzen, habe Ende September ein beispielloses Kriegsbudget verabschiedet. Dieses Budget deute eindeutig auf eine bevorstehende Intensivierung der Militärhandlungen hin.

Die Finanzierung dieses Krieges wirft Fragen auf. Die Oligarchen allein könnten die Kosten mit ihren unfreiwilligen Gaben nicht tragen, heißt es in der Analyse. Präsident Wladimir Putin habe erklärt, der Krieg sei nur zu gewinnen, wenn alle Bevölkerungsschichten ihren Beitrag leisteten. Das Finanzministerium bestätigte, dass die Bevölkerung große Summen auf Konten halte – Rubel, die nach Einschätzung der Behörden brachliegen. Statt ihr Erspartes zu horten, sollten die Menschen dieses Geld dem Staat für einen guten Zweck leihen. Die Finanzbehörden brachten Kriegsanleihen ins Gespräch.

Die Reaktion der Bevölkerung ließ nicht lange auf sich warten. Trillionen Rubel seien von den Konten abgehoben und in Sicherheit gebracht worden, schreibt Kaminer. Die Menschen hätten längst verstanden, dass die Armee das Versprochene nicht liefern könne. Der Gegner habe die Militäroperation «Vivaldi» gestartet und einen Teil der besetzten Gebiete zurückerobert. Die Bevölkerung wolle vor allem eines: dass der Krieg aufhört, egal wie das Ende genannt werde.

Der russische Oberbefehlshaber setzt laut der Analyse auf einen neuen Plan. Wenn es am Boden nicht funktioniere, dann müsse es in den Köpfen gelingen. Angst solle die Position stärken, deshalb werde vor allem die ukrainische Hauptstadt ununterbrochen bombardiert. Die Angriffe sollen den Druck auf die ukrainische Führung erhöhen, die Bürger gegen ihre Regierung aufbringen und eine Kapitulation erzwingen – nach dem Motto «Besser unter Russen als unter Bomben leben». Dieser Plan sei in der Vergangenheit nicht aufgegangen und werde auch jetzt nicht aufgehen, so Kaminer.

Die Menschen in der Ukraine wüssten, dass Angst nichts bringe und nur Panik erzeuge. Man solle den klaren Verstand behalten, sich auf den Winter vorbereiten und den Feind maximal schwächen. Kaminer zitiert den britischen Kriegspremier Winston Churchill: «Wenn du durch die Hölle gehst, geh weiter.» Wer in der Hölle stehen bleibe oder sich umdrehe, riskiere, niemals herauszukommen. Die Ukrainer verteidigten sich hart.

Doch der Blick richtet sich auch auf Europa. Kaminer fragt, ob dort der Schlüssel zum russischen Sieg liege. Vor allem Deutschland sei für seine «German Angst» bekannt – ein weitverbreitetes Klischee, dass Vorsicht der zweite Vorname sei. Wenn die deutsche Unterstützung für die Ukraine wanke, könnte der Kreml allein diesen Umstand als Sieg auslegen. Unter Androhung eines direkten Konflikts würde Deutschland aus Sicht der russischen Führung sofort nachgeben und die Ukraine im Stich lassen. Deshalb habe Putin auf dem Waldai-Forum, auf Atomwaffen angesprochen, den Schriftsteller Anton Tschechow zitiert: «Wenn im ersten Akt ein Gewehr auf der Bühne hängt, muss es im letzten Akt abgefeuert werden.» Er habe deutlich gemacht, dass er zu keinen Kompromissen bereit sei und eine Feuerpause für ihn nicht infrage komme.

Aus Sicht der russischen Führung seien die Europäer ein anderer Menschenschlag, sie hätten mehr zu verlieren und ließen sich leichter einschüchtern. Bislang habe Europa in diesem Krieg sehr distanziert agiert. Ein russischer Politologe habe die europäische Taktik als «das vorsichtige Abmelken des großen Bären» bezeichnet. Man solle dem Bären nicht wehtun und ihn nicht zu sehr ärgern, damit er nicht durchdrehe, sondern langsam Tropfen für Tropfen die schwarze Milch des Krieges abpumpen, bis das Tier wieder eine Wespentaille bekomme. Der Bär, so die Hoffnung, werde viel zu spät seinen abgemagerten Zustand bemerken, die Pfoten heben und zurück in den Wald laufen. Die Ukraine sei für diese undankbare Aufgabe als Melkerin eingesetzt worden, da sie als Erste vom Bären angegriffen wurde und die Einladung nicht ausschlagen konnte.

Inzwischen wachsen Zweifel, ob diese Strategie die einzig richtige war. Der Bär ahne etwas, schaue hinter die Melkerin und brülle. In dieser Situation sei es ratsam, mit ruhigem Blick nach vorn zu schauen. In Abwesenheit eines Kompromisses lägen zwei Varianten zur Beendigung des Krieges auf dem Tisch: der russische Sieg oder die russische Niederlage. Beide unterschieden sich in der Realität nicht wesentlich voneinander, denn die Toten würden nicht wiederauferstehen und die zerstörten Städte blieben auf absehbare Zeit zerstört. Am Ende seien es in beiden Fällen Papierdokumente. Es gehe einzig und allein um die Bewertung des von Russland geleisteten Unsinns.

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Greta Kaufmann

Autor

Gesellschaftsreporterin

Greta Kaufmann berichtet für Güldendorf über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.