Fukuyama: Trump, Putin und Xi gefährden die liberale Weltordnung
Der Politologe Francis Fukuyama analysiert, warum die liberale Demokratie in einer existenziellen Krise steckt und wie Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping die bestehende Ordnung herausfordern. Die größte destabilisierende Kraft seien dabei die USA selbst, sagt er.
Die liberale Weltordnung wird nach Einschätzung des Politologen Francis Fukuyama von drei Männern zugleich attackiert: Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping. Regeln gälten als von gestern, Macht gehe vor Recht — so beschreibt der Vordenker die neue Logik, die sich in der internationalen Politik durchsetze. Die liberale Demokratie befinde sich in einer existenziellen Krise, sagte Fukuyama in einem Gespräch. Er warnt seit Langem, dass die Geschichte nicht an ihr Ende gelangt sei, sondern nur eine Ruhepause eingelegt habe. Diese Pause sei nun vorbei.
Die drei Angreifer stellen nach Fukuyamas Analyse jedoch ganz unterschiedliche Bedrohungen dar. Wladimir Putin sei lediglich eine militärische Bedrohung, nicht mehr. Russland präsentiere kein positives Modell, das andere Länder nachahmen wollten. Putin habe einfach viele Panzer, Drohnen und Geschütze. China sei dagegen eine ganz andere Kategorie. Betrachte man allein, welche Technologien das Land mittlerweile beherrsche und wie es in kurzer Zeit den Wohlstand so vieler Menschen gesteigert habe, werde der Unterschied deutlich.
Donald Trump scheint von Xi Jinping beeindruckt zu sein. Das sei beim jüngsten Staatsbesuch Xi Jinpings in den Vereinigten Staaten ziemlich deutlich geworden. Trump habe amerikanische Pressevertreter angegriffen und verunglimpft, sich dann aber quasi vor Xi Jinping verbeugt. Ein amerikanischer Präsident, der so begeistert von einem Diktator sei — das sei das außergewöhnlichste Spektakel gewesen. Trump habe bereits aus seiner Bewunderung für Putin keinen Hehl gemacht. Nun sei offensichtlich, dass er gerne wie Xi Jinping wäre. Trump habe sogar offen gesagt, dass er sich die Macht wünsche, die Xi Jinping habe, um seine eigene Gesellschaft zu kontrollieren.
Fukuyama sieht darin eine Gefahr, die weit über die militärische Bedrohung hinausgeht. Wenn der Anführer der größten und mächtigsten Demokratie der Welt im Grunde aufhöre, an die Demokratie zu glauben, sei das überaus destabilisierend. Auf die Frage, ob die größte Gefahr tatsächlich von den USA ausgehe, antwortet der Politologe, manchmal denke er, dass die USA tatsächlich die am stärksten destabilisierende Kraft der Welt geworden seien. Denn sie hätten einst die liberale internationale Ordnung verankert — und nun täten sie es nicht mehr.
In seinem berühmten Buch «Das Ende der Geschichte» habe er niemals behauptet, dass die Geschichte an ihrem Ende angelangt sei, betont Fukuyama. Sie habe nur eine Ruhepause auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft gemacht. In den letzten fünf Kapiteln habe er sich gerade mit dem Problem «des letzten Menschen» beschäftigt. Der Begriff geht auf den deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche zurück. Liberale Ordnungen hätten Frieden und Wohlstand versprochen und dieses Versprechen bisher gut eingehalten. Zugleich verfälschten liberale Gesellschaften aber Horizonte, indem sie zu grenzenloser Offenheit, Toleranz und Vorurteilsfreiheit anhielten. Am Ende entstehe ein Wesen, dem Kampf, Risiko und Ehrgeiz fremd seien — der «letzte Mensch».
Dieses Stadium sieht Fukuyama bereits erreicht. Man lebe nun schon länger im Reich des letzten Menschen, und der Extremismus von rechts und links sei auf eine bestimmte Weise eine Revolte gegen die verflachten Horizonte. Den Menschen gehe es materiell überwiegend gut, doch sie seien unzufrieden, gar gelangweilt. Die Wut der Populisten werde durch Groll gegen eine liberale Gesellschaft befeuert, die Respekt nicht gleichmäßig verteile. Diese Wut wolle aber keine Missstände korrigieren, sondern so viel von der bestehenden Ordnung zerstören wie möglich.
Als eine Ursache nennt Fukuyama ein grundlegendes menschliches Bedürfnis, das lange nicht ernst genug genommen worden sei: das Verlangen nach Anerkennung. Das wirtschaftswissenschaftliche Modell von Wunsch und Rationalität greife zu kurz. Der russisch-französische Philosoph Alexandre Kojève habe die historische Entwicklung vielmehr als einen Wettstreit um Anerkennung verstanden, nicht als Kampf um materielle Ressourcen. Das dürfte teilweise den Erfolg Donald Trumps erklären, der zumindest vorgebe, die amerikanischen Arbeiter zu respektieren. Bei den linken Parteien habe sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verschoben: Früher hätten sie die Interessen der Arbeiterklasse und der Gewerkschaften repräsentiert, dann seien sie zu Parteien für Akademiker geworden — eine der Quellen des Populismus.
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