Deutscher Sanitäter berichtet vom Kriegsalltag im Donbass
Alexander Gertz dient seit 2023 als Sanitäter in der ukrainischen Armee. In seinem Buch «Im Schatten der Drohnen» dokumentiert er den Frontalltag, den Verlust von Kameraden und die Angst zu sterben.
Der Deutsche Alexander Gertz kämpft seit 2023 als Sanitäter in den Reihen der ukrainischen Streitkräfte. In seinem kürzlich erschienenen Buch «Im Schatten der Drohnen» hat er seine Erlebnisse an der Front im Donbass verarbeitet. Im Gespräch schildert der 31-Jährige, wie er vom humanitären Helfer zum Soldaten wurde und warum er das Erlebte für die Nachwelt festhalten wollte.
Ursprünglich habe er nie vorgehabt, in einer Armee zu dienen, sagt Gertz. Er habe Diplomat werden wollen und in internationalen Organisationen und Thinktanks gearbeitet. Doch 2022 habe er erkannt, dass er nicht in der Position sei, Frieden zu bewirken. «Ich hatte das Gefühl, dass ich praktisch tätig werden musste», erklärt er. Zunächst habe er ehrenamtlich humanitäre Hilfe an der Front geleistet, parallel aber in Deutschland Geld verdient und sein Studium abgeschlossen. Diese Doppelbelastung habe ihn ausgebrannt, sodass er sich entscheiden musste.
Ohne medizinisches Vorwissen wurde Gertz Sanitäter. Das habe er vor allem durch «Learning by Doing» gelernt, wie er berichtet. Sobald man wisse, dass Leben und Tod davon abhängen, sei der Kopf sehr offen für Wissen. 2023 habe es noch keine strukturierten Lehrgänge gegeben, später habe er Crashkurse von etwa zehn Tagen Dauer besucht. Heute werde in der Ukraine deutlich mehr Wert auf die Sanitätsausbildung und den Schutz der Sanitäter gelegt.
Die Anforderungen an einen Sanitäter im Kriegseinsatz seien enorm, betont Gertz. Ein Sanitäter müsse in der Hierarchie einer Einheit weit oben stehen, körperlich der Fitteste sein und kampftechnisch taugen. «Nicht alle Sanitäter in der Ukraine sind Spitzensoldaten, aber die besten müssen es sein», sagt er. Schließlich müsse man einen Kameraden mit Ausrüstung ziehen können, der deutlich mehr als 100 Kilogramm wiege.
Sein Buch verfasste Gertz nach eigenen Angaben, um dem Verschwimmen von Tagen, Orten und Erinnerungen entgegenzuwirken. Besonders die Taten seiner Kameraden, die mittlerweile nicht mehr am Leben seien, sollten nicht verloren gehen. «Wenn ich eine solche Situation mit einem Kameraden durchstanden habe und er später starb, dann gibt es niemanden mehr, der davon erzählen kann», so Gertz. Es gehe vor allem gegen das Vergessen der Stimmen, die sich nicht mehr zu Wort melden könnten.
An der Front habe er Tagebuch geschrieben, oft in feuchten Kellern ohne Strom und Wasser. «Man wartet viel an der Front», berichtet er. Irgendwann sei der Gedanke gekommen, sich das Erlebte von der Seele zu schreiben. Dabei habe er gelernt, die Augen für besondere Situationen offenzuhalten. Als Beispiel nennt er einen Geburtstagskuchen für einen Kameraden, in dem statt Kerzen 23 Patronen steckten. Solche Szenen seien für die Soldaten nichts Besonderes, aber er habe sie festhalten wollen, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.
Gertz betont, dass er im Buch nicht ausschließlich über den Krieg schreibt, sondern auch sich selbst als Menschen an der Front mit eigenen Problemen sichtbar macht. Wer Tagebuch führe, schreibe automatisch viel über sich selbst. Zunächst habe er gedacht, nur die äußeren Situationen übernehmen zu können, doch dann habe er gemerkt, dass die persönliche Perspektive dazugehöre.
Für die Buchvorstellung im Deutschen Theater in Berlin reiste Gertz nach Deutschland. Nur gut zwei Wochen Urlaub habe er von seiner Einheit erhalten, bevor es für ihn wieder zurück in die Ukraine geht. Dort, wo er unter seinem Rufzeichen «Husky» bekannt ist, wartet auf ihn erneut der Kriegsalltag im Donbass.
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